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Freie Radikale und Bluthochdruck: Was steckt dahinter?

Freie Radikale gelten oft als „Bösewichte“ im Körper. Tatsächlich ist die Sache komplizierter: Der Körper bildet solche reaktiven Verbindungen ganz natürlich und nutzt sie sogar für wichtige Aufgaben. Problematisch kann es werden, wenn zu viele davon entstehen. Dann sprechen Fachleute von oxidativem Stress.

Oxidativer Stress kann die Regulation der Blutgefäße stören und dadurch zur Entstehung und zu den Folgen von Bluthochdruck beitragen. Eine Schlüsselrolle spielt dabei das gefäßerweiternde Stickstoffmonoxid, kurz NO.


Was sind freie Radikale?

Bei vielen normalen Stoffwechselvorgängen entstehen reaktive Sauerstoffverbindungen. Ein Teil davon sind sogenannte freie Radikale. In kleinen Mengen sind sie keineswegs nur schädlich: Der Körper nutzt sie unter anderem als Signalstoffe und zur Abwehr von Krankheitserregern.

Gleichzeitig verfügt der Körper über verschiedene Schutzsysteme, die diese reaktiven Verbindungen kontrollieren. Entstehen jedoch dauerhaft mehr davon, als der Organismus ausgleichen kann, gerät dieses Gleichgewicht aus der Balance. Das wird als oxidativer Stress bezeichnet.

Warum ist Stickstoffmonoxid für die Gefäße so wichtig?

Eine entscheidende Rolle spielt die Innenwand der Blutgefäße, das Endothel. Sie bildet Stickstoffmonoxid – kurz NO. Dieser Botenstoff sorgt dafür, dass sich die Muskulatur in der Gefäßwand entspannt. Das Gefäß kann sich erweitern, das Blut leichter hindurchfließen und der Blutdruck besser reguliert werden.

Bestimmte reaktive Sauerstoffverbindungen können NO abfangen oder seine Bildung beeinträchtigen. Dann steht weniger davon zur Verfügung. Die Gefäße verlieren einen Teil ihrer Fähigkeit, sich zu entspannen, und der Widerstand im Gefäßsystem kann steigen.

Oxidativer Stress kann außerdem:

  • Entzündungsprozesse fördern,
  • die Struktur der Gefäßwände verändern,
  • die Nieren und ihren Salzhaushalt beeinflussen und
  • blutdrucksteigernde Hormonsysteme verstärken.

So kann ein ungünstiger Kreislauf entstehen: Oxidativer Stress kann hohen Blutdruck begünstigen. Gleichzeitig belastet ein dauerhaft erhöhter Blutdruck die Gefäße und kann dadurch weiteren oxidativen Stress fördern.

Was sagen die Studien?

In Zell- und Tierstudien ist der Zusammenhang zwischen reaktiven Sauerstoffverbindungen und Bluthochdruck gut belegt. Beim Menschen ist die Einordnung schwieriger. Menschen mit Bluthochdruck weisen in Untersuchungen häufig Zeichen eines erhöhten oxidativen Stresses auf. Solche Beobachtungen zeigen jedoch nicht eindeutig, was zuerst da war.

Nach heutigem Forschungsstand ist wahrscheinlich beides richtig: Oxidativer Stress kann zur Entstehung und zu den Folgen von Bluthochdruck beitragen, während Bluthochdruck seinerseits oxidativen Stress verstärken kann.

Damit ist oxidativer Stress nicht die eine Ursache der Hypertonie. Er ist vielmehr ein Baustein in einem komplexen Geschehen. Auch Alter, Veranlagung, Übergewicht, Bewegungsmangel, hoher Salzkonsum, Rauchen, Nierenerkrankungen und weitere Faktoren beeinflussen den Blutdruck.

Können Antioxidantien helfen?

Die biologische Überlegung erscheint zunächst plausibel: Wenn oxidativer Stress beteiligt ist, könnten antioxidative Substanzen möglicherweise helfen. In klinischen Studien ließ sich daraus bislang jedoch keine verlässliche Behandlung ableiten.

Bei Vitamin C und Vitamin E wurden teilweise kleine Blutdrucksenkungen beobachtet. Die Ergebnisse sind allerdings uneinheitlich. Viele Untersuchungen waren klein oder liefen nur über kurze Zeit; zudem unterschieden sie sich bei Dosierung, Teilnehmenden und Studiendesign. Bei Vitamin E zeigte eine Meta-Analyse beispielsweise im Durchschnitt eine geringe Senkung des oberen Blutdruckwertes, aber keine überzeugende Wirkung auf den unteren Wert.

Nahrungsergänzungsmittel gelten daher nicht als etablierte Therapie gegen Bluthochdruck. Sie sollten verordnete Medikamente oder wirksame Veränderungen des Lebensstils nicht ersetzen. Da hoch dosierte Präparate Nebenwirkungen haben und mit Medikamenten wechselwirken können, sollte ihre Einnahme mit einer Ärztin, einem Arzt oder in der Apotheke besprochen werden.

Was können Sie selbst für Ihre Gefäße tun?

Die wirksamsten Maßnahmen klingen wenig überraschend: regelmäßige Bewegung, Nichtrauchen, eine ausgewogene Ernährung, weniger Salz und eine gute Blutdruckkontrolle. Das ist keine besonders neue oder aufregende Botschaft. Sie im Alltag dauerhaft umzusetzen, ist allerdings oft schwieriger, als es auf den ersten Blick scheint.

Hilfreich sind vor allem:

  • regelmäßige Bewegung, die sich gut in den Alltag integrieren lässt,
  • viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte,
  • weniger Salz und stark verarbeitete Lebensmittel,
  • möglichst wenig Alkohol,
  • ein schrittweiser Gewichtsverlust bei Übergewicht,
  • der Verzicht auf das Rauchen,
  • regelmäßige Blutdruckmessungen und
  • die zuverlässige Einnahme verordneter Medikamente.

Eine pflanzenreiche Ernährung liefert auch antioxidativ wirkende Stoffe. Ihr gesundheitlicher Nutzen beruht wahrscheinlich auf dem Zusammenspiel vieler Nährstoffe und weiterer günstiger Effekte – nicht auf einem einzelnen „Wundervitamin“.

Fazit

Freie Radikale sind nicht grundsätzlich schädlich. Gerät ihre Bildung jedoch aus dem Gleichgewicht, kann oxidativer Stress entstehen. Dieser kann die Verfügbarkeit von Stickstoffmonoxid verringern, die Entspannung der Blutgefäße beeinträchtigen und so zur Entwicklung und zu den Folgen von Bluthochdruck beitragen.

Beim Menschen lassen sich Ursache und Wirkung noch nicht vollständig trennen. Vieles spricht für einen gegenseitigen Verstärkungseffekt: Oxidativer Stress kann Bluthochdruck fördern – und hoher Blutdruck kann oxidativen Stress verstärken. Antioxidantienpräparate haben sich daraus bislang nicht als verlässliche Behandlung ableiten lassen.


Quellen und weiterführende Literatur

  1. Touyz RM et al. Reactive oxygen species in hypertension.Hypertension. 2024. PubMed
  2. Griendling KK et al. Oxidative Stress and Hypertension.Circulation Research. 2021. Fachartikel bei der American Heart Association
  3. Ward NC et al. Oxidative stress in human hypertension: association with antihypertensive treatment, gender, nutrition, and lifestyle. Free Radical Biology and Medicine. 2004. PubMed
  4. Emami MR et al. Effect of vitamin E supplementation on blood pressure: a systematic review and meta-analysis. Journal of Human Hypertension. 2019. PubMed
  5. Juraschek SP et al. Effects of vitamin C supplementation on blood pressure: a meta-analysis of randomized controlled trials.American Journal of Clinical Nutrition. 2012. PubMed
  6. McEvoy JW et al. 2024 ESC Guidelines for the management of elevated blood pressure and hypertension. European Heart Journal. 2024. Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung.


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