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Evidenzbasierte Medizin, Studien und Bluthochdruck

In der Medizin gab es durch wissenschaftliche Forschung viele Fortschritte. Arzneimittel, Therapien oder auch Operationsverfahren müssen belegen, dass sie eine positive Wirkung auf die Gesundheit haben. In der Fachsprache nennt man das die Evidenz. Man könnte Evidenz in etwa als “unumstößlich bewiesene Tatsache” übersetzen.

Forscher f³hren eine Placebokontrollierte Studie durch
Man macht das in der Regel durch Studien. Der Gold-Standard sind sogenannte randomisierte, Placebo-kontrollierte Doppelblind-Studien. Dabei erhält ein Teil der Probanden das Medikament, der andere Teil ein Scheinmedikament. Wer das Medikament erhält, wird zufällig ausgewählt, daher das “randomisiert” im Namen. Weder die Forscher noch die Probanden wissen, ob sie das Medikament erhalten. Daher der Begriff “Doppelblind”. Damit das funktioniert, gibt man bei Medikamenten einem zufällig ausgewählten Teil der Probanden ein nicht wirksames Placebo, welches dem Medikament äußerlich gleicht.   

Wichtige Begriffe für Studien:

  • Randomisiert: Wer eine Behandlung bekommt, wird zufällig ausgewählt.

  • Placebo-kontrolliert: Durch ein Scheinmedikament oder eine Scheinbehandlung erfährt der Proband nicht, ob er wirklich das Medikament oder die Behandlung erhält

  • Doppelblind: Weder der Proband noch der Forscher wissen, wer Placebo und wer ein Scheinmedikament bzw. eine Scheinbehandlung erhält.

  • Signifikanz: Eine Studie ist signifikant, wenn statistisch sicher ermittelt werden kann, dass der Effekt nicht durch Zufall zu erklären ist.

  • Effektstärke: Die Effektstärke gibt an, wie gut die Behandlung wirkt. Angenommen, man hätte ein neues Medikament gegen Bluthochdruck, das aber diesen nur um 1 mmHg senkt. Dann wäre der Effekt sehr gering und trotz evtl. vorhandener Signifikanz das Medikament eher nicht zu empfehlen.
Ein Medikament, das in einer solchen Studie gut abschneidet, hat seine Wirkung bewiesen. Es wirkt nicht nur, sondern auch signifikant besser als ein Placebo. Die Wirkungen von Placebos sind dabei nicht zu unterschätzen, Placebo-Medikamente wirken nämlich durchaus und das nicht nur wegen bloßer Einbildung der Probanden. Eine solche Scheinbehandlung hat oft erstaunliche Effekte, die noch immer nicht voll verstanden sind. Wir haben dazu einen eigenen Artikel: “Placebo und Bluthochdruck

Durch die evidenzbasierte Medizin kann ein Arzt also auf Heilmittel und -verfahren zurückgreifen, bei denen er sicher von einer Wirkung ausgehen kann.

Der evidenzbasierte Ansatz stellt sicher, dass medizinische Entscheidungen auf Forschungsergebnissen basieren, die sorgfältig geprüft wurden. Dadurch werden die Wahrscheinlichkeit von Fehldiagnosen und unangemessenen Behandlungen reduziert, was zu einer besseren Qualität der Patientenversorgung führt.

Probleme

  1. Studienqualität
    Leider ist es manchmal trotzdem schwierig. Wie oben angesprochen ist der Gold-Standard eine randomisierte, Placebo-kontrollierte Doppelblind-Studie. Angenommen, man untersucht nun aber eine bestimmte Operationsmethode. Hier kann man eine Scheinoperation durchführen und den Patienten glauben machen, er wurde operiert, auch wenn er es nicht wurde. Aber der Arzt, der die Operation durchführt, weiß natürlich, was er getan hat oder nicht. Und alleine das reicht aus, um die Ergebnisse zu verfälschen.

    Bei der Untersuchung von Therapien, wie z.B. einer Psychotherapie oder Physiotherapie hat man das gleiche Problem. Der Behandler weiß dabei, ob er die Therapie wirklich durchführt oder es sich um eine Scheinbehandlung handelt. Hier ist auch die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Proband das merkt.

    Würde man eine App untersuchen, so ist eine Verblindung überhaupt nicht möglich. Daher kann man die Evidenz einer App nie zweifelsfrei belegen. Das nutzen Interessenvertreter aus, um gegen Apps auf Rezept vorzugehen. Die nötigen Studien werden dadurch aufgebläht und verteuert, ohne dass eine Anerkennung garantiert ist. Selbst wenn, ufern die Kosten einer solchen App gegenüber dem möglichen Nutzen unverhältnismäßig aus.

  2. Individuelle Unterschiede
    Studien sind für den durchschnittlichen Menschen gemacht. Es gibt aber keine durchschnittlichen Menschen. Als im letzten Jahrtausend das amerikanische Militär festlegen wollte, wie das Cockpit gestaltet sein muss, vermaßen sie hunderte Menschen und bildeten so die Maße für den Durchschnittsmensch. Das überraschende Ergebnis: Kein einziger der Probanden hatte exakt den Durchschnitt. Die Cockpits wurden dann anpassbar gestaltet, einfach weil Menschen unterschiedlich sind.

    Auf den Blutdruck bezogen:
    Nehmen wir als Beispiel einen Wirkstoff, der bei 5 % aller Probanden den Blutdruck senken würde, man weiß aber nicht, bei welchen und was der Grund dafür ist. Solange das so ist, würde man keine Studie durchführen können, die eine Wirkung des Wirkstoffes belegt. Im Durchschnitt der Patienten wäre der Effekt zu klein.
    Probleme aus der Praxis: Ihr Arzt hat eine Auswahl gut untersuchter Arzneimittel, die er Ihnen verschreiben könnte. Also rein theoretisch wäre die medikamentöse Einstellung des Blutdrucks doch dann überhaupt kein Problem. In der Praxis sieht das freilich anders aus. Jeder Mensch reagiert anders. Manches Mittel wirkt einfach nicht oder es gibt Nebenwirkungen. Egal, wie gut die Evidenz nun ist.

  3. Begrenzte Datenverfügbarkeit oder schlechte Daten
    Bei einigen medizinischen Fragestellungen gibt es möglicherweise keine ausreichende Evidenzbasis, entweder aufgrund eines Mangels an Forschung oder aufgrund ethischer oder praktischer Einschränkungen. Ein konkretes Beispiel beim Bluthochdruck sind hier Unterschiede in der Erfassung des Blutdrucks. Es spielt einfach eine Rolle, wie, wo und von wem dieser gemessen wird. Es gab eine große Studie namens SPRINT, deren Ergebnisse in den USA dazu führten, dass die Normwerte für Bluthochdruck gesenkt wurden. Das Problem dabei: die Messungen erfolgten anders, als bei den bisherigen Studien üblich. In Europa sah man daher keinen Handlungsbedarf.
Die Evidenz ist also nicht immer so klar, wie es wissenschaftsgläubige gerne hätten. Bei Antidepressiva herrscht seit Jahrzehnten ein Streit um die Wirksamkeit, trotz tausender Studien.

Es gibt daher auch Fälle, bei denen von der evidenzbasierten Medizin abgewichen wird:
  1. Einzigartige Patientenfälle: Wenn ein Patient eine einzigartige, komplexe oder seltene Krankheit oder Symptomatik aufweist, kann es notwendig sein, von den allgemeinen evidenzbasierten Richtlinien abzuweichen und individuelle medizinische Entscheidungen zu treffen.

  2. Innovationspotenzial: In einigen Fällen können neue Behandlungsansätze oder Technologien vielversprechend sein und das Potenzial haben, die Patientenergebnisse erheblich zu verbessern, obwohl sie bislang nicht hinreichend durch Evidenz belegt sind.
    Hier ist allerdings besondere Vorsicht geboten. Neue Verfahren können auch erhebliche Risiken und unerwünschte Nebenwirkungen bergen. Hier sei an die Contergan-Tragödie zwischen 1957 und 1962 erinnert (https://de.wikipedia.org/wiki/Contergan-Skandal).

  3. Traditionelle oder alternative Heilmethoden: Ein Bereich, in dem von der evidenzbasierten Medizin abgewichen werden kann, sind traditionelle oder alternative Heilmethoden, die eine lange Geschichte haben, aber für die oft keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege für ihre Wirksamkeit vorliegen. Viele dieser Methoden, wie beispielsweise pflanzliche Arzneimittel oder bestimmte Therapien, wurden über Generationen hinweg angewendet und haben möglicherweise einen positiven Einfluss auf die Gesundheit. Obwohl sie möglicherweise nicht den strengen Kriterien evidenzbasierter Medizin entsprechen, können sie als Ergänzung in Betracht gezogen werden. Insbesondere, wenn sie von den Patienten bevorzugt werden und keine schädlichen Auswirkungen haben. In solchen Fällen ist es wichtig, eine offene Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten zu pflegen und gemeinsam eine bestmögliche Behandlungsstrategie zu entwickeln, die sowohl die Wünsche und Präferenzen des Patienten als auch die Wirksamkeit und Sicherheit der Behandlung berücksichtigt.

Fazit:

Die evidenzbasierte Medizin hat zweifellos einen wichtigen Platz in der medizinischen Praxis. Ihr Fokus auf Evidenz und Forschung hat die Patientenversorgung verbessert und die wissenschaftliche Entwicklung vorangetrieben. Dennoch sollte sie nicht als alleiniger Maßstab betrachtet werden. Sie hat ihre Grenzen und es gibt Situationen, in denen Abweichungen von evidenzbasierten Richtlinien gerechtfertigt sein können, besonders bei einzigartigen Fällen oder bei vielversprechenden innovativen Ansätzen. Eine ausgewogene Herangehensweise, die evidenzbasierte Medizin mit klinischer Erfahrung und individuellem Urteilsvermögen kombiniert, kann dazu beitragen, besser auf die Bedürfnisse der Patienten einzugehen und die besten Behandlungsergebnisse zu erzielen.

Von Horst Klier. Dieser Artikel ist medizinisch-fachlich geprüft. Letzte Aktualisierung (01/2024).

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Informationen auf der Website und innerhalb der App können die Beratung beim Arzt nicht ersetzen.




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