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Placebo und Bluthochdruck

Placeboeffekt bei der Behandlung von Bluthochdruck
Placebo ist in aller Munde, aber was ist das genau? Und gibt es das auch bei Bluthochdruck?

Ersteinmal die Fakten. Das Wort "Placebo" kommt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich übersetzt "Ich werde gefallen". Laut Definition ist ein Placebo ein Medikament, das einem echten Medikament in Aussehen und Geschmack gleicht, ohne dessen Wirkstoffe zu enthalten. Aber auch eine Behandlung kann ein Placebo sein, wenn ihr Wirkmechanismus nicht wissenschaftlich erklärbar, eine Wirkung jedoch nachweisbar ist, oder auch eine Scheinoperation, die gar nicht wirklich durchgeführt wird.

Was ist der Placebo-Effekt?

Als Placebo-Effekt wird somit die messbare Wirkung bezeichnet, die durch die Erwartungshaltung des Patienten an das Medikament oder die Behandlung ausgelöst wird, ohne dass dieses tatsächlich einen Wirkstoff enthält oder eine erklärbare Wirkung hat.

Diese Art von Wirkung durch Scheinmedikamente und Scheinbehandlungen konnte bereits in vielen wissenschaftlichen Studien nachweisbar belegt werden.
Eine Placebo-Wirkung konnte sogar dann eindeutig gezeigt werden, wenn die Patienten wussten, dass das Medikament keinen echten Wirkstoff enthielt, also nur ein Scheinmedikament ist. Bei offenen Studien konnte dies z. B. im Rahmen von Schmerztherapien an der Harvard Medical School eindeutig nachgewiesen werden.

Als besonders wichtig für eine positive Placebo-Wirkung zeigte sich eine offene und empathische Kommunikation durch den Behandler. Aber auch individuelle Vorerfahrungen, soziales Lernen und Einfluss durch Medien wirken sich auf den Erfolg der Therapie mit Placebos aus.

Es gibt keine körperlichen Systeme, bei denen kein Placebo-Effekt beschrieben werden kann. In klinischen Studien kommen Placebos zum Einsatz, um die Wirksamkeit z. B. eines neuen Medikamentes mit der reinen Placebo-Wirkung zu vergleichen. Interessanterweise verbessert sich hier auch immer die Symptomatik im sogenannten "Placebo-Arm" der Studie, also bei den Patienten, die NICHT das Originalmedikament erhalten haben. Zum großen Teil sind es Doppel-Blind-Studien, das heißt, weder der Patient noch der Behandler wissen, wer den Wirkstoff und wer das Placebo erhält.

Somit konnte der Placebo-Effekt bereits in vielen verschiedenen Bereichen wissenschaftlich nachgewiesen und dokumentiert werden, z. B. bei der Schmerzbehandlung, bei hormonellen und immunologischen Reaktionen oder bei psychischen Störungen.

Aber auch das Herz-Kreislauf-System ist empfänglich für Placebo-Mechanismen. Es zeigten sich in mehreren Studien auch Placebo-Effekte auf den Blutdruck, sowohl durch Interventionen (z. B. verbale Anweisungen) wie auch durch Placebo-Medikation und sogar durch vorgetäuschte Eingriffe.

In mehreren kontrollierten Medikamentenstudien erreichten auch einige Bluthochdruckpatienten in der Placebo-Kontrollgruppe den Zielblutdruck, ohne das "echte" Medikament je erhalten zu haben. Teils waren die Studien aber klein und oft auch sehr selektiv (z. B. nur männliche Probanden). Auch bezüglich längerfristiger Effekte ist die Lage nicht immer eindeutig.
Ebenso wurde beispielsweise eine Meta-Analyse (also eine Zusammenfassung mehrerer Studien) aller verfügbaren Studien mit Betablockern (Medikament zur Blutdrucksenkung) mit paralleler Placebo-Kontrollgruppe durchgeführt (23 Studien, 11.067 Patienten mit Bluthochdruck). Kontrollgruppen werden genutzt, um die tatsächliche Wirkung des Medikamentes abzüglich dem Teil des Placebo-Effektes zu bestimmen. Dabei zeigten sich deutliche Blutdrucksenkungen auch in der Placebogruppe, die bereits 34 % der systolischen und 47 % der diastolischen Senkung des medikamentös bedingten Blutdruckabfalles ausmachten. Besonders interessant war hier auch, dass eine höhere Qualität der Studie mit häufigerer Interaktion zwischen Patient und Behandelnden auch mit einer höheren blutdrucksenkenden Wirkung des Placebos einherging.

Eine weitere Studienanalyse aus dem Royal Brompton Hospital in London zeigte, dass eine Scheintherapie den Blutdruck im Mittel um 6 mmHg senkte. Bei Patienten mit therapieresistentem Bluthochdruck konnten mit Scheinmedikamenten oder Scheineingriffen sogar 9-13 mmHg niedrigere Blutdruckwerte erreicht werden.
Einige Erfahrungen sprechen sogar dafür, dass Placebo-Therapien umso blutdrucksenkender wirken, je einschneidender sie für den Patienten sind.

Und was ist dann Nocebo?

Nocebo, auch aus dem Lateinischen kommend, bedeutet wörtlich übersetzt "Ich werde schaden". Es ist das Gegenstück zum Placebo und beschreibt die Angst vor Nebenwirkungen einer Arznei oder einer anderen Therapiemaßnahme. Auch ein wirkstofffreies Scheinmedikament kann diese unerwünschten Wirkungen auslösen und wie ein umgekehrter Placebo-Effekt funktionieren.
Ein gutes Beispiel zeigt eine Studie mit dem Betablocker Metoprolol zur Blutdrucksenkung bei männlichen Patienten. Von den Patienten, die über die mögliche Nebenwirkung einer erektilen Dysfunktion aufgeklärt wurden, gaben dann auch 32 Prozent diese Nebenwirkung an, während die Gruppe, die nur den Medikamentennamen erfuhr, nur zu 13 Prozent eine sexuelle Beeinträchtigung angab und sogar nur 8 Prozent der Patienten aus der Gruppe, die den Namen des Medikamentes gar nicht erfuhren.

Patienten, die schlecht über den Nutzen und die möglichen Nebenwirkungen einer Therapie aufgeklärt sind und womöglich kein gutes Vertrauensverhältnis zu ihrem Behandelnden haben, nehmen, gerade aufgrund des zunächst präventiven Charakters der Bluthochdruckbehandlung, ihre Medikation aufgrund von Ängsten vor Nebenwirkungen oft unregelmäßig oder gar nicht ein bzw. setzen sie auf Grund der auch durch den Nocebo-Effekt entstandenen Nebenwirkungen selbstständig wieder ab. Die Behandlung eines als therapieresistent gewerteter Bluthochdruck scheitert dann letztendlich aber an der sogenannten Non-Adhärenz des Patienten.

Suchen Sie sich also einen Hausarzt, zu dem Sie Vertrauen haben und mit dem Sie Ihre Sorgen und Ängste besprechen können. Das Internet allein reicht nicht aus, um sich über Wirkungen und Nebenwirkungen einer verordneten Therapie zu informieren.

Quellen:


Von Dr. med. Christine Berchtold-Benchieb. Dieser Artikel ist medizinisch-fachlich geprüft. Letzte Aktualisierung (05/2023).

Bei den verlinkten Quellen erfolgte der letzte Abruf zu dem angegebenen Zeitpunkt der Prüfung, soweit nicht anders angegeben.

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